Wir schreiben das Jahr 1901. Um die Jahrhundertwende, die sogenannte Belle Époque, ist die Welt im Umbruch – auch für das weibliche Geschlecht: Erste Trommelwaschmaschinen, Geschirrspülmaschinen und Vakuumstaubsauger kommen auf den Markt. Modisch befreit sich das weibliche Geschlecht langsam vom engen Korsett und der Reißverschluss ersetzt lange Knopfreihen. Zu dieser Zeit gründen im kleinen Titmaringhausen im Sauerland die Frauen des Ortes eine Frauengemeinschaft, die unter den Schutz der Heiligen Anna gestellt wird. Und dieser 125. Geburtstag wurde jetzt gefeiert.
Die Titmaringhäuserinnen hatten sich damals nicht ohne Grund die Heilige Anna als Patronin für ihren Verein ausgesucht. Die Mutter Marias ist unter anderem die Schutzpatronin der Mütter und der Ehe, der Hausfrauen, Armen und Witwen und wird außerdem bei Kinderwunsch, für eine komplikationslose Geburt und reichen Kindersegen angerufen. „Mit ihrer Vereinsgründung kamen uns die Frauen sogar zuvor: Wir riefen erst drei Jahre später unsere St. Antonius Schützenbruderschaft ins Leben“, gab Hauptmann Alexander Peter in seiner Glückwunschrede zu. Auch der Sportverein Rot-Weiß ließ es sich nicht nehmen, dem ältesten Verein des Ortes zu gratulieren. Denn die Männer des Dorfes wissen, wie wichtig auch ihre kfd ist. Was wären sie zum Beispiel ohne die unzähligen Kuchen, Waffeln und Torten, die für ihre Dorf- oder Vereinsfeste gebacken, gespendet und verkauft wurden – oftmals organisiert durch die Frauengemeinschaft.
Vielleicht ist die Titmaringhäuser Frauengemeinschaft sogar älter, wer weiß? Leider ist eine Gründung damals nicht genau dokumentiert worden. Sicher ist aber, dass im Jahr 1901 eine Fahne aus der Paramentenwerkstatt der Franziskanessen aus dem Kloster Salzkotten angeschafft wurde. Auf dieser farbenfrohen Fahne ist die Heilige Anna mit ihrer Tochter Maria zu sehen, umrahmt von Lilien und Disteln. Auf der Rückseite ist der Bittruf „Heilige Mutter Anna – hilf uns in allen Nöten!“ eingestickt, eingefasst von Glockenblumen und Ranken. Diese alte Fahne gab den Anlass zum diesjährigen 125-jährigen Jubiläum. Begonnen wurde mit einer Heiligen Messe mit Pastor Abeler, in der die Gemeinde die alte, fast vergessene Fahne bewundern konnte, die den Altarraum schmückte. Danach schloss sich die Fronleichnamsprozession entlang der vier Feldaltäre mit wunderschönen Blumenteppichen an und anschließend hatte die kfd Titmaringhausen den ganzen Ort an die Schützenhalle zu einem kleinen Geburtstagsfest eingeladen. In ihrer Begrüßung bedankten sich Annette Rötger, Beate Große und Beate Schmidt vom Vorstand für das zahlreiche Erscheinen und hielten einen kurzen Rückblick. Denn die kfd steht nicht nur für Kirche.
Um die Jahrhundertwende identifizierten sich die Frauen oftmals sehr über ihre Mutterschaft und den Haushalt, so ist es nicht verwunderlich, dass ihre Vereine dies auch stolz in ihrem Vereinsnamen trugen. Eben ganz im Zeichen der drei „K´s“: Kinder, Küche, Kirche. Aus diesen Bruderschaften christlicher Mütter ging 1928 der Zentralverband der katholischen Müttervereine hervor, der 1939 von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde. 1951 erfolgte die Wiedergründung des Verbandes unter dem Namen Zentralverband der katholischen Frauen- und Müttergemeinschaften. In diese Zeit oder etwas später dürfte wohl auch die Anschaffung einer neuen Vereinsfahne fallen, da die alte Fahne nach 50 Jahren sehr in Mitleidenschaft gezogen worden war und eine Restauration nicht wirtschaftlich erschien.

Die neue Fahne ist ganz im Zeitgeist der damaligen Zeit gestaltet: schlicht und modern. Auf ihr ist der Name Frauen- und Mütterverein Titmaringhausen eingestickt und auf der anderen Seite die Muttergottes.
Erst 1968, als sich viele der sogenannten Müttervereine unter dem Dachverband der kfd (Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands) zusammenschlossen, wurde die Mutterschaft aus dem Vereinsnamen gestrichen. Heute versteht sich die kfd als Interessenvertretung für alle Frauen in Kirche, Politik und Gesellschaft und bietet Frauen eine Gemeinschaft vor Ort – egal ob verheiratet, ledig, Mutter – oder eben nicht.
Die Frauengemeinschaft organisierte von Anfang an Kaffeetrinken, Weihnachtsfeiern oder auch schon mal eine Fahrt für ihre Mitgliederinnen. Früher oft eine der wenigen Ausnahmen, einmal etwas anderes zu sehen oder aus dem kleinen Ort herauszukommen. Diese Fahrten nahmen aber im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung ab und werden heute in dieser Form nicht mehr angeboten.
Der Vorstand wies jedoch auch darauf hin, dass dieses Jubiläum ein ganz besonderes sei. Die Titmaringhäuser Frauen haben sich, wie vielerorts bereits in den letzten Jahren geschehen, dazu entschlossen, zum Jahresende aus dem Dachverband der kfd auszutreten. Dies soll aber nicht das Ende sein! Sie hoffen, die Frauengemeinschaft neu zu beleben, flexibler zu gestalten, moderner aufzustellen sowie neue Mitgliederinnen zu finden – ganz im Sinne der letzten 125 Jahre: Gemeinschaft, Zusammenhalt und Engagement in alle Richtungen.
Zu dieser Neuausrichtung wird die kfd im Herbst alle Titmaringhäuser Frauen jeden Alters einladen, um sich gemeinsam zu überlegen, wie es mit dem Erbe ihrer Mütter, Großmütter und Urgroßmütter weitergehen soll. Denn das soll es auf jeden Fall!
